Lange vor Sherlock Holmes...

4. September 2014


Der werte Herr Poe und ich kennen uns schon seit vielen Jahren. Ich war dreizehn, als ich ihn (in der Zeit ohne Internet ganz klassisch) in unserer winzig kleinen Dorfbibliothek entdeckte, die im Grunde nur ca. zweihundert Bücher beheimatete, die meisten davon weitestgehend derrangiert und älteren Datums - (damals) aktuelle Bücher suchte man dort vergebens. Im Nachhinein glaube ich sogar, dass ich die einzige Besucherin der Bibliothek war, zumindest war nie jemand mit mir dort - und ich war nahezu jeden Tag da. Außerdem hätte ich jeden Besucher gesehen, denn die Bibliothek bestand nur aus einem einzigen kleinen Raum.


Ich erinnere mich noch genau, dass ich an dem Tag, an der Herr Poe und ich uns das erste Mal begegneten, ziemlich niedergeschlagen den Raum betrat und zu der alten, leicht schrulligen Dame ging, ihr mein letztes ausgeliehenes Buch in die Hände drückte und sie traurig ansah. Sie schaute zunächst das Buch an, dann mich und sagte so etwas wie: Jetzt hast du alle Bücher mit Gruselgeschichten durch. Mehr haben wir hier nicht. Aber ich habe etwas, das könnte dir gefallen. Da wird es dich gruseln. Ich lächelte.
Sie ging mit mir zu einem der Bücherregale ganz hinten in der Ecke des Raumes, griff nach einem Buch und drückte es mir in die Hand. Auf dem Buch stand E.A.Poe: Gesammelte Werke. Ich schaute sie fragend an. Sie lächelte und nannte mir die Seite, die ich aufschlagen sollte. Der Rabe stand dort, und mit einem flüchtigen Blick über die Seite konnte ich erkennen, dass es sich um ein Gedicht handelte. Ich schaute die alte Dame fragend an und meinte zu ihr so etwas wie, dass ich Gedichte bis auf wenige Ausnahmen nicht sonderlich mag und Raben schon mal gar nicht. [Kleine Anmerkung am Rande: William Blakes Gedichte waren eine dieser Ausnahmen. Die mochte ich damals sehr gerne und tue es auch heute noch.]
Warum ich keine Raben mochte (und heute immer noch nicht mag, obwohl ich sie schön finde), das wusste sie - so wie alle im Dorf. Eine unangenehme Erinnerung, nur so viel: Ich hatte einmal eine kurze, aber heftige Begegnung mit einem Raben und seit dem (und auch noch heute) Angst vor ihnen. 
Sie lächelte mich an und meinte, dass ich es genau aus diesem Grund lesen sollte. Da sie mit ihren Leseempfehlungen immer goldrichtig lag, entschloss ich mich, das Gedicht zu lesen. Ich weiß noch, dass ich so einiges damals nicht (richtig) verstand, es mich aber in der Tat gruselte (ein Rabe im Zimmer und dann spricht der auch noch - HORROR - und bei dem Namen "Lenore", der bei Poe in der ein oder anderen Form häufiger auftaucht, läufts mir kalt dem Rücken runter). Vor allem aber mochte (und mag) ich Poes Art zu schreiben. Ich blätterte also weiter und stieß auf die Erzählung Die Morde in der Rue Morgue.

Es handelt sich um eine klassische Detektivgeschichte, in welcher der Ich-Erzähler in Paris den jungen und über die Maße scharfsinnigen Monsieur C. Auguste Dupin kennenlernt und ihn bei der Aufklärung zweier grausiger und rätselhafter Morde an Frauen, die ganz Paris in Angst und Schrecken versetzen, begleitet (und unterstützt).
Schon der erste Absatz begeisterte mich damals so sehr, dass ich unbedingt weiterlesen wollte. [Kleine Anmerkung: Las ich als Kind/Teenie bestimmte Schlüsselworte wie Rätsel, Geheimnis oder Hieroglyphen war ich prompt Feuer und Flamme. Warum, weiß ich auch nicht. Ich kann nur sagen, dass es heute noch so ist.]
Die geistigen Fähigkeiten, die man die analytischen nennt, sind, an und für sich, der Analyse kaum zugänglich. Wir nehmen sie nur in ihren Effekten wahr. Unter anderem wissen wir von ihnen, dass sie ihrem jeweiligen Besitzer, falls er sie denn im Überfluss besitzt, stets eine Quelle des lebhaftesten Vergnügens sind. So wie der Starke über seine physischen Fähigkeiten jubelt und sich an allen Übungen erfreut, die seine Muskeln in Aktion setzen, so schwelgt der Analytiker in jener mentalen Tätigkeit, die entwirrt. Selbst aus den banalsten Beschäftigungen, die sein Talent ins Spiel bringen, schöpft er Genuss. Er schätzt Rätsel, Wortspiele, Hieroglyphen; und bei jeder Lösung derselben offenbart er einen Grad an Scharfsinn, der dem Durchschnittsverstand übernatürlich erscheint. Seine Resultate, zustande gebracht allein durch echte und präzise Methode, haben in Wirklichkeit ganz den Anschein von Intuition. 

Und wer bei diesen Zeilen an einen anderen berühmten Detektiv namens Sherlock Holmes denken muss, der liegt ganz richtig. Doch lange vor Sherlock Homes gab es es Poes C. Auguste Dupin, der zurecht als Vorläufer des durchaus berühmteren Mr. Holmes gilt, dessen erstes Abenteuer ca. 45 Jahre später die Welt begeisterte. 

Ich war und bin heute noch begeistert von Poes Art zu schreiben und zu erzählen und nicht zuletzt von seinem Detektiv C. Auguste Dupin. Diese Erzählung Poes war der (wirkliche) Beginn unserer gemeinsamen Geschichte, das macht sie zu etwas Besonderem für mich. Auch heute noch, nach so vielen gemeinsamen Jahren, lese ich Poe immer wieder gerne - seine Detektivgeschichten und seine schaurigen Erzählungen (dazu bald mehr).

Ich habe übrigens diese Ausgabe ausgewählt, da hier eine weitere meiner liebsten Poe-Erzählung, Der Untergang des Hauses Usher, enthalten ist. Eine Familiengeschichte der besonderen Art, wenn man so möchte, aber eben typisch Poe. In "schaurig-schönen, düsteren Bildern und mit großer psychologischer Raffinesse"* erzählt Poe die Geschichte "des alptraumhaften Niedergangs"** der Familie Usher. Die Erzählung wurde, wie so viele Erzählungen Poes, auch verfilmt, mit Vincent Price in der Hauptrolle (der fast in jeder Poe-Verfilumg aus dem 1960er Jahren die Hauptrolle spielte). Und ebenso wie Poes Werke selbst, sind die Filme großartig und absolut empfehlenswert!






* Einband zu Edgar Allen Poe: Die Morde in der Rue Morgue / Der Untergang des Hauses Usher. Köln 2008. 
** Ebd.






Kommentare

  1. An die V. Price Filme kann ich mich gut erinnern. Poe habe ich früher auch gelesen, bin aber kein großer Fan von ihm. Ist mir zu unheimlich oder verstörend. Ich denke da an "Das vorzeitge Begräbnis", das einem wirklich Alpträume verursachen kann. Ich halte mich heute lieber an weniger Nervenaufreibendes. :)

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    1. Die Filme sind toll! Ich habe "Der Untergang des Hauses Usher" vor ein paar Jahren mal in einem Seminar lesen lassen und dann mit meinen Studierenden auch den Film mit V. Price geschaut. War lustig: Der ein oder andere Studierende hat sich schon mächtig gegruselt, da flog das Popcorn vor Schreck schon hin und wieder durch den Seminarraum. :-)

      Obwohl ich eigentlich ein Angsthase bin (ich sag nur: Keller!), mag ich den "Nervenkitzel" bei Poe und Co.

      Liebe Grüße
      Nicole

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  2. Du bringst mich da drauf, dass ich mal etwas von Poe lesen wollte. Ich bin hin und wieder schon über Zitate gestolpert und glaube, dass mich seine Bücher auch fesseln könnten. Also lieben Dank für deine tolle Beschreibung!
    Und: den "Raben" habe ich übrigens das erste Mal vor zig Jahren in einer der Halloween-Folgen der Simpsons kennengelernt. Kennst du die Folge?
    Liebe Grüße,
    Frauke

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    1. Ich kann Poe wirklich empfehlen; schau' Dir die Ausgabe mal an.

      Ja, ich erinnere mich wage an die Folge, aber sobald irgendwo was mit Raben o.Ä. auftaucht, verdrängt das mein Kopf. ;-) "Die Vögel" von Hitchcock ist für mich ein totaler Horrorfilm. Manchmal, wenn ich total mutig sein möchte, dann schaue ich mir den an, alleine schon wegen der wunderbaren Tippi Hedren und Rod Taylor (große Jugendschärmerei...). Aber schlafen kann ich danach nicht. ;-)

      Liebe Grüße
      Nicole

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  3. Ich kann da noch die Hörspiel-Serie "Edgar Allen Poe" empfehlen. Verpackt in eine spannende Rahmenhandlung werden dort mit tollen Stimmen (z.B. von Iris Berben) Geschichten von Poe erzählt. Die Rahmenhandlung: Ein Mann, der sein Gedächtnis verloren hat und sich den Namen "Poe" gibt, hat immer wiederkehrende Albträume, die aus seinem Unterbewusstsein kommen. Im ersten Traum geht es um eine Grube und ein Pendel (basierend auf der gleichnamigen Geschichte von Poe). Er glaubt, dass das etwas mit seiner Vergangenheit zutun hat und begibt sich auf eine spannende Reise. Auch auf der Reise hat er Albträume (u.a. auch vom Hause Usher). Irgendwann deckt er ein schreckliches Geheimnis auf ... Echt toll!

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    1. Jau, das hab ich auch mal gehört. Gruselig! Das Pendel und so faszinierend!

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    2. Die Hörspielserie kenne ich noch nicht. Klingt aber super und schön gruselig, werde ich mir mal anhören. Klingt perfekt für kuschelige Herbstabende mit dicker Decke und Kakao. ;-)

      Liebe Grüße
      Nicole

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  4. Das ist ja eine schöne Geschichte! Auch wenn ich überhaupt kein Krimi-Fan bin und mich Herr Poe nicht so reizt. Die kleine Dorfbücherei tut das dafür umso mehr, erinnert mich an unsere winzige Pfarrbücherei, die nur einmal in der Woche für ein zwei Stunden geöffnet hatte und in der ich auch irgendwann das ganze Kinderbücher-Regal durchlesen hatte. Auch wenn ich heute die Anonymität meiner Stadtbücherei schätze, irgendwie geht auch viel Charme verloren...
    Lieben Gruß,
    Mirjam

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    1. Ich mag kleine Bibliotheken mit persönlicher Note auch sehr, sehr gerne. Leider haben wir hier bei uns davon keine. Dafür aber ein wunderbares Antiquariat, das mich immer wieder in seinen Bahn zieht. Allein der Geruch! Wunderbar. Allerdings kann ich dort nicht zu oft hingehen, das ist nicht gut für meinen Geldbeutel. ;-)

      Liebe Grüße
      Nicole

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  5. Hach, herrlich, diese Geschichte... ich erinnere mich da gleich an meine Kindheit... und die Besuche bei meiner Oma - nach dem Gottesdienst durfte ich zur Belohnung in die Gemeindebücherei... sowas gibt es heute kaum noch, oder??? Und heute: arbeite ich selber in einer Bibliothek.. mit einigen "Umwegen" - aber... wie langweilig, wenn das Leben immer nur "gerade" wäre... und der Film "die Vögel" ist wirklich unheimlich!! Poe sollte ich auch mal lesen *knotenmach*

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    1. Oh, wie schön! In einer Bibliothek zu arbeiten, ist sicher klasse.

      Ich weiß es nicht, ob es das noch gibt - aber wenn ja, dann sicherlich nur noch sehr selten. Schade!

      Stimmt, das Leben wäre "immer geradeaus" ziemlich langweilig. Obwohl sich das Leben so manche Kurve auch sparen könnte. ;-)

      Liebe Grüße
      Nicole

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