Januarblues

17. Januar 2018


Otto und ich waren heute einkaufen, natürlich auch in seinem Lieblingsgeschäft (ja, Otto darf hier in nahezu jedes Geschäft und benimmt sich tadellos und nein, sein Lieblingsgeschäft ist kein Tierfuttermittelgeschäft, ganz im Gegenteil). Zu Ottos großer Freude arbeitete heute seine Lieblingsverkäuferin;  sie ist eine lebenslustige Person mit einer beneidenswert positiven Ausstrahlung. Ich kann mehr als gut nachvollziehen, warum Otto sich in ihrer Nähe so wohl fühlt, denn mir geht es ähnlich.

Doch heute war es anders. Sie begrüßte uns zwar wie immer mit einem herzlichen Lächeln, aber mit einem Satz, der mich verwunderte: "Hallo Otto! Endlich ein Lichtblick an so einem bescheidenen Tag."  Okay, sie hat wohl einen schlechten Tag erwischt, dachte ich mir, den haben wir ja alle mal. Aber das war es nicht, für sie war der ganze Januar (zur Erinnerung, wir haben heute den 17. Januar) "eine Tortur" und sie kam zu dem Schluss, "dass das ganze Jahr wohl eines zum Vergessen wird."
Uff. Das saß. Da stand ich nun mit meiner guten Laune und fühlte mich schlecht.  Schlecht, weil ich gute Laune hatte. Schlecht, weil ich mich über den Schneetag freute. Schlecht, weil... naja, mein Januar bisher gar nicht so übel war. 

Natürlich fragte ich sie, was denn passiert sei und dachte schon an das Schlimmste. Aber weit gefehlt:  Es war nichts wirklich Schlimmes passiert, der Januar war einfach nur nicht so wie erwartet.  Er begann mit einer dicken Erkältung, die Diät ist schwieriger als erwartet, das Wetter nervt, das mit dem "mehr Sport machen, fitter werden" klappt auch nicht so gut usw. Das alles führte dazu, dass sie das Jahr am liebsten jetzt schon "vergessen möchte".

Als wir nach Hause gingen, dachte ich über ihre Worte nach und sie kamen mir irgendwie bekannt vor. In den letzten Tagen habe ich dergleichen, meist beiläufig, schon öfter gehört und in den auch im WWW gelesen.

Es ist schon erstaunlich, dass noch vor knapp zwei Wochen meistens von Aufbruchsstimmung, Motivation, Tatendrang und Vorfreude zu hören und zu lesen war. Und nun, wo ist all das hin? Klar, es gibt auch genügend Menschen, die immer voll von all dem sind und diese Zeit genießen. Aber was ist mit denen, die einen schlechten Start erwischt haben? Die, die der Januarblues erwischt hat?!

Ich kenne das auch. Also jetzt weniger die Sache mit dem Januarblues, denn ich messe dem Jahreswechsel und somit dem Januar keine besondere Bedeutung zu (für mich ist das Schwierigste am Januar immer, dass ich mir eine neue Jahreszahl merken muss). Aber ich kenne mich bestens mit Erwartungen aus und war (und bin es leider hin und wieder immer noch) besonders "begabt" was  enttäuschte Erwartungen angeht. Ich erwarte XY, es geschieht nicht, ich bin enttäuscht und gehe umgehend davon aus, dass aus XY nie etwas werden wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich etwas zur Erfüllung meiner Erwartungen beitragen konnte oder nicht, das Ergebnis blieb meist das Selbe: Enttäuschung auf ganzer Linie.  Enttäuschung kann viele Gesichter haben, aber das schlimmste von allen, ist die Enttäuschung der eigenen Erwartungen an sich selbst. Zumindest sehe ich das so.


Als ich begann mit den Hunden zu arbeiten, änderte sich  meine Beziehung zu Erwartungen und auch mein Umgang mit ihnen und meine Bewertung schlagartig. Ich habe schnell gelernt, dass allzu steife, festgelegte Erwartungen an den Hund und an mich selbst nichts als Kummer bringen. Erwartungen sind nicht per se schlecht, im Gegenteil: Sie können sich überaus positiv auf uns und unser Leben auswirken, wenn wir sie im rechten Maß halten und realistisch mit ihnen umgehen, eben flexibel bleiben. Dann sind sie guter Antrieb, um weiter zu machen und an etwas dranzubleiben. Aber überschäumende, zu hohe Erwartungen sind nicht zielführend, machen nur unnötig Druck und führen (ich wiederhole mich gerne) zu Kummer.

Und was noch wichtiger ist: Ich habe gelernt, dass nur weil XY heute nicht klappt, dass das noch lange nicht bedeutet, dass es für immer so sein wird. Dazu passend eines meiner Lieblingszitate (das ich als Reminder immer in meiner Tasche habe):


Never confuse a single defeat with a final defeat. 
F. Scott Fitzgerald

Und so sehe ich das auch mit dem Januarblues. Nur weil man einen schlechten Start ins neue Jahr, einen bisher "schlechten Januar" hat(te), heißt das noch lange nicht, dass es ein schlechtes Jahr wird. Der Januar ist nur ein Monat, elf Monate liegen noch vor uns und die können wir so gestalten, wie wir möchten. Wir haben jeden Tag die Möglichkeit, neue Entscheidungen zu treffen, neue Wege zu beschreiten oder auf alten Pfaden weiterzugehen, weil sie sich richtig für uns anfühlen.  Man muss sich nicht immer verändern, man trifft selbst die Wahl. 

Ich frage mich: Müssen wir uns zwangsläufig mitreißen lassen von der "neues-Jahr-alles-wird-anders"-Welle? Ist denn bisher alles so schlecht gelaufen? Ist man denn so unzufrieden? Vielleicht ist man es ja, vielleicht sitzt die Jeans nach dem Jahreswechsel etwas enger, vielleicht könnte die Wohnung nochmal eine Frischkur vertragen, vielleicht möchte man jetzt etwas Neues lernen, vielleicht wollen wir unsere Ernährung umstellen, vielleicht wollen wir achtsamer mit uns umgehen, vielleicht wollen wir in XY besser werden...
Aber müssen wir all das in einem rasanten Tempo angehen, neben unserem "sowieso-schon-Leben", das schon voll genug mit Alltag ist? Können wir uns nicht einfach Zeit lassen. Zeit, um etwas auszuprobieren. Zeit, um zu schauen, ob dies oder das überhaupt was für uns ist. Zeit, um gelassener mit unseren Erwartungen umzugehen. Veränderung ist doch kein Rennen, wenn überhaupt, dann ist es ein Marathon.

Den Januar und somit sich selbst mit Erwartungen zu überladen, ist sicherlich kein guter Start ins neue Jahr. Aber letztlich haben wir es in der Hand. Und wenn wir auf der Welle gar nicht mitreiten wollen, sondern uns lieber zurücklehnen und einfach mal gelassen schauen, was passt und was nicht, ob wir neue Wege beschreiten möchte oder nicht, oder einfach nur glücklich sind, das wir eigentlich jetzt schon richtig toll sind, dann ist das in meinen Augen auch kein so schlechter Start ins neue Jahr. 


Und ganz nebenbei: Das Poster "Hello Winter" könnt Ihr HIER runterladen. 


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Kommentare

  1. Liebe Nicole,

    wie recht du hast. Ich habe mir dieses Jahr nichts besonderes vorgenommen als das, was ich auch schon letztes Jahr mal mehr und mal weniger gut umgesetzt habe. Die Erfahrung früherer Jahre hat mich gelehrt, dass sich diese ganzen tollen Vorsätze schnell in Luft auflösen, wenn man nicht in kleinen Schritten versucht, Gewohnheiten zu verändern und Spaß an den Neuerungen zu finden. Solange man sich nur zu etwas zwingt wird es nicht dauerhaft bleiben.

    Das mit den Erwartungen und dem enttäuscht sein kenne ich zu gut, ich bin da auch der Typ, wenn es einmal nicht geklappt hat wird es nie was. Ungeduld lässt grüßen. Immerhin lerne ich so langsam mehr Geduld mit mir selbst und meinen Mitmenschen zu haben, vieles gelassener zu sehen und mich über die schönen Augenblicke des Lebens zu freuen.

    Nun wünsche dir weiterhin so gut Winterlaune und ein weiterhin gutes 2018.
    Alles Liebe, Silke

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    1. Hallo, Du Liebe!

      Vielen lieben Dank für Deine Worte. Es ist wirklich erstaunlich wie ähnlich wie uns in unserer Gedankenwelt sind. Ich stelle nochmal die (rhetorische) Frage: Warum sind wir keine Nachbarinnen?!? Wir hätten uns so viel zu erzählen... :-)

      Liebe Grüße
      Nicole

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