Morgenseiten

8. Januar 2018


Seit knapp drei Jahren möchte ich nun schon einen Post über Morgenseiten schreiben und dennoch habe ich es nicht getan. Erklären kann ich mir das selbst nicht, aber ich habe eine Ahnung: Morgenseiten zu schreiben ist ein fester Bestandteil meiner Morgenroutine; ich denke gar nicht weiter darüber nach, sondern mache es einfach. So wie ich mir morgens einen Kaffee mache, darüber denke ich ja auch nicht weiter nach. Aber im Grunde ist es auch ganz gleich, warum ich es bisher nicht gemacht habe, jetzt schreibe ich den Post endlich. 

Morgenseiten sind schnell erklärt: Julia Cameron (eine amerikanische Schriftstellerin) entwickelte die Methode, jeden Morgen, direkt nach dem Aufstehen, auf drei DIN A4-Seiten handschriftlich alles aufzuschreiben, was einem in den Kopf kommt, ohne weiter darüber nachzudenken, eben intuitiv. Nach drei Seiten ist Schluss. Orthographie, Grammatik, Interpunktion, vollständige Sätze, Logik etc. bleiben vollkommen unbeachtet, man schreibt einfach drauflos. Jede Art von Zensur würde die Idee der Morgenseiten zunichtemachen. 

Und genau da lag zu Beginn mein Problem: Ich bin Literaturwissenschaftlerin, also eben auch Germanistin. Unkontrolliertes "drauflos-schreiben" ohne auf alles zu achten, was ich über Sprache gelernt habe, schien mir schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Ich habe fast zwei Monate benötigt, bis ich mich wirklich auf die Morgenseiten einlassen konnte. Ihr könnt' Euch vielleicht vorstellen, wie frustrierend diese Zeit war und die Frustration nicht unbedingt dazu beigetragen hat, dass ich mich weiterhin mit den Morgenseiten beschäftigen wollte. Aber mich faszinierte die Methode und sie versprach so viel, also blieb ich dran.
Mit der Zeit klappte es auch immer besser, wenngleich ich sagen muss, dass meine ersten Morgenseiten schon sehr seltsam waren. Am Anfang stand auf manchen Seiten einfach nur ein Wort, das ich immer wieder wiederholt habe (z.B. Blaaablubbb). Mit der Zeit wurde mehr daraus und ich habe für mich entschieden, dass ich keine DIN A4-Blätter verwende, sondern meine Morgenseiten in A5-Notizhefte schreibe und so jeden Morgen sechs Seiten.

Morgenseiten, so Cameron, sollte man erst nach Wochen noch einmal lesen. So mache ich es auch und manchmal lese ich sie einfach gar nicht mehr. Ich bewahre die Notizhefte ein Jahr auf, nehme mir dann bewusst einen Nachmittag Zeit und blättere sie alle durch. Ganz intuitiv entscheide ich, was ich noch einmal lesen möchte und was eben nicht. Danach wandern die Notizhefte ins Altpapier, es sei denn, ich möchte das Heft unbedingt behalten, was bisher aber nur selten vorkam.


Heute weiß ich die Vorteile der Morgenseiten sehr zu schätzen; sie helfen mir dabei lästige Gedanken loszuwerden. Ich stehe morgens verschlafen auf, schaffe es gerade so ins Bad ohne zu stolpern (meistens zumindest), aber "mein Kopf" ist schon hellwach und hunderte von Gedanken prasseln auf mich ein. Meistens total unnötige Gedanken, Ängste, Sorgen, Ärgernisse usw., die sich aber festbeißen und wie Ballons, die man gerade aufbläst, immer größer werden und mich den ganzen Tag über verfolgen. Mit Hilfe der Morgenseiten kann ich diese Gedankenflut zu Papier bringen, muss mich erst einmal nicht weiter mit ihnen beschäftigen und kann sie oftmals sogar vollkommen loslassen. In meinem Kopf wird es ruhiger und erreiche mehr Klarheit, um ruhig und entspannt in den Tag zu starten.

Ich empfehle diese Methode schon seit Jahren weiter (insbesondere meine Studenten haben davon in Prüfungsphasen profitiert) und werde immer wieder gefragt, wie viel Zeit man für das Schreiben von Morgenseiten "braucht", schließlich zählt für viele gerade morgens jede Minute. Pauschal kann ich diese Frage nicht beantworten, da ich max. 15 Minuten dafür benötige (ich schreibe sehr schnell und wenn ich weder auf die Orthographie noch Grammatik achten muss, dann noch schneller). Wenn der Morgen immer schon sehr knapp zeitlich kalkuliert ist, dann könnte man beispielsweise ein wenig früher aufstehen oder die Morgenroutine anders planen. Aber im Grunde ist es auch gleich: Es geht darum, sich bewusst Zeit für sich selbst zu nehmen. Wie viel ist einem diese Zeit für sich selbst wert? Diese Frage muss jeder für sich beantworten.

Und auch wenn es nicht so ganz im Sinne Camerons ist: Spirituell ist an den Morgenseiten für mich nichts. Ich habe (noch?) keine Verbindung zu meinem "höheren Selbst" erfahren oder dergleichen und habe auch noch keinen größeren Sinn in meiner Existenz erkannt, nur weil ich Morgenseiten schreibe. Ich sehe das schlicht und ergreifend pragmatisch, so bin ich eben. Habe ich mal keine Zeit oder einfach keine Lust zum Schreiben, weil ich viel lieber mit dem Rottweiler in seinem Körbchen kuscheln möchte? Dann ist das so. Das Schöne ist, dass ich immer wieder gerne zu den Morgenseiten zurückkehre, weil sie mir guttun. Das macht sie für mich so besonders. 


Und wer nun noch mehr über Camerons Morgenseiten wissen möchte: 

// in diesem Video erklärt Julia Cameron selbst die Idee der Morgenseiten 
//  HIER und HIER gibt sie Tipps, wie man das Schreiben von Morgenseiten praktizierten kann
// HIER schreibt sie darüber, was sie in 25 Jahren schreiben von Morgenseiten "gelernt" hat

➽ Alle Post aus der Kategorie Achtsam leben findest Du HIER

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